Parasiten, Kräutermedizin und Nobelpreise

Die Nobelpreise in Medizin, Physik und Chemie 2015 sind verliehen. Da ich aus dem Gebiet der Carotinoid-/Retinoid-Chemie komme, gefallen mir die Preise für Medizin und Chemie natürlich sehr. 🙂 – Unter Neutrinos kann ich mir aber auch noch etwas vorstellen. 😉

Der Medizin-Nobelpreis wurde dieses Jahr an die Forscher William C. Campbell, Satoshi Omura und YouYou Tu für sehr greifbare Medikamente gegen weit verbreitete Parasiten verliehen. – Dafür ging es bei dem Chemie-Nobelpreis in Richtung Biochemie. In diesem Beitrag soll es jedoch um die Parasitenbekämpfung gehen.

Zwar handelt es sich nicht um Medikamente gegen heimische Parasiten, aber wer hat noch nie seine freilaufende Katze entwurmt, vom Fuchsbandwurm oder auch der Krätze gehört. Nicht nur die Mikroben (wie hier in meinem Blogartikel) sind überall, sondern auch die Parasiten.

Parasiten besiedeln oft mehrere Tiere bzw. den Menschen (= Wirte) in einem Zyklus, der zum Teil für die Entwicklung des Parasiten notwendig ist. Der „Wirt“ ist sozusagen derjenige, der Nahrung und  Getränke für die Entwicklung zur Verfügung stellt. 😉 Weiterhin unterscheidet man zwischen dem Zwischenwirt, bei dem nur eine Weiterentwicklung des Parasiten stattfindet, und dem Endwirt, in dem die Vermehrung stattfindet. Diese zyklische Entwicklung kann in der Bekämpfung ein Problem darstellen, da es teilweise Parasitenstadien gibt, die nur schwer mit Therapien zu erreichen sind. Weiterhin können Parasiten, die sich schnell vermehren eine Resistenz entwickeln, so wie es auch Bakterien gegen Antibiotika möglich ist.

Ich bleibe bei dem Beispiel Malaria, da ich bei futuremag/arte ein Youtube-Video mit dem Zyklus Mücke – Mensch – Mücke gefunden habe. Der Malaria-Parasit ist der Einzeller Plasmodium (Im Wikipedia-Artikel gibt es auch noch eine Abbildung mit einer ausführlichen Darstellung des Lebenszyklus von Plasmodium).

Da der Malaria-Erreger Plasmodium bekannt dafür ist, Resistenzen zu entwickeln, war Artemisinin eine wichtige neue Therapiemöglichkeit. An der Arbeit von YouYou Tu gefällt mir besonders die Idee die traditionellen Heilmethoden nach möglichen Wirkstoffen zu untersuchen. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist reich an vielfältigen Arznei-Mischungen mit Kräutern und auch tierischen Bestandteilen. Ich habe die alte Apotheke Hu Qing Yu Tang in Hangzhou besucht. Es gab viele Schubladen, Kräuterduft und Mischungen, die für jeden Patienten hergestellt wurden.

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Die alte TCM-Apotheke in Hangzhou Hu Qing Yu Tang Foto: Ricarda Schügner

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Die alte TCM-Apotheke in Hangzhou Hu Qing Yu Tang Foto: Ricarda Schügner

Um sich durch die Vielzahl der Möglichkeiten zum passenden Kraut durchzuarbeiten und dann noch die Möglichkeit mit der richtigen Methode zur Isolierung des Wirkstoffes zu finden, braucht man Fleiß und ein gutes Durchhaltevermögen. Wer weiß, welche Wirkstoffe in den verschiedenen „Schubladen“, im Regenwald oder auch unseren heimischen Kräutern noch schlummern.

Bei der TCM oder auch unserer traditionellen Kräuterheilkunde handelt es sich um Erfahrungsmedizin. Selbstverständlich wird nicht alles entsprechend der neuesten Standards wirksam sein, aber zusätzlich ist in den letzten Jahrhunderten auch vieles an Wissen zur Anwendung und Aufbereitung der Kräuter verloren gegangen. Weiterhin verschwinden in den letzten Jahrzehnten immer mehr Tiere und Pflanzen unwiederbringlich und damit Chancen auf neue Wirkstoffe.

Seit der Entwicklung des Hochdurchsatz-Screening (High Throughput Screening, HTS) in der Industrie besteht die Möglichkeit viele Substanzen/Stoffe innerhalb eines kurzen Zeitraumes an Testsystemen zu untersuchen. Nicht jeder Treffer wird automatisch zu einem neuen Medikament, aber je größer die „Substanzbibliotheken“ – mit Substanzen aus allen Teilen der Welt – sind, die durchprobiert werden können, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit etwas zu finden, was auf eine weitere Wirkung untersucht werden kann.

Ich habe hier zwei Beispiele für „westliche“ Naturstoffmedizin. Das erste Beispiel kennt bestimmt jeder: Acetylsalicylsäure – wirkt gegen Kopfschmerz. 😉 Der Wirkstoff ist die abgewandelte Salicylsäure, die aus der Weidenrinde stammt. Weidenrindentee wird/wurde gegen fieberhafte sowie rheumatische Erkrankungen sowie Kopfschmerz eingesetzt.

Mein zweites Beispiel sind die Taxane, deren Name sich vom lateinischen Namen der Eibe (Taxus) ableitet. Wie hoffentlich jeder weiß, ist die Eibe GIFTIG! Bei den Taxanen handelt es sich um Krebsmedikamente. Die Ursprungssubstanz Paclitaxel wurde aus der Rinde der Pazifischen Eibe (Taxus brevifolia) gewonnen. Da die Rinde für einen Baum lebenswichtig ist, war die Herstellung größerer Mengen schwierig. Eine chemische Totalsynthese ist zwar möglich, aber ziemlich aufwendig. Als weitere Möglichkeit wurde die Abwandlung des in unserer heimischen europäischen Eibe (Taxus baccata) in den Nadeln vorkommenden Baccatins zu Paclitaxel gefunden. Mittlerweile kann Paclitaxel biotechnisch aus Eibenzellkulturen hergestellt werden.

Die beiden anderen Forscher – William C. Campbell und Satoshi Omura – haben aus einem Bakterium (Streptomyces avermitilis) den Wirkstoff Ivermectin entwickelt. Er wirkt gegen Parasiten, die ebenfalls von Mücken übertragen werden und Elephantiasis bzw. Flussblindheit hervorrufen.

Zum Abschluss könnt ihr euch auf dem Nobelpreis-Youtube-Kanal die Verkündung des diesjährigen Medizin-Nobelpreises ansehen. Wie ihr in meinem Nobelpreis-Beitrag vom letzten Jahr lesen könnt, werden die Beiträge live bekannt gegeben.

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Veröffentlicht am Oktober 7, 2015 in NATUR + WISSENSCHAFT und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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