Social Engineering – Was ist denn das?

Heute am Sonntag hatte ich mir vorgenommen mal meine regelmäßig im Briefkasten ankommenden Zeitschriften „abzuarbeiten“. Allerdings bin ich nicht weit gekommen – direkt beim 1. Artikel in der 1. Zeitschrift bin ich hängengeblieben.

Zunächst nur bei der Titelzeile „Die psychologischen Grundlagen des Social Engineering“. [Lit. 1] Mit „Engineering“ verbinde ich Ingenieurswissenschaften und Technik, aber was haben das „Social“ und die „psychologischen Grundlagen“ dort zu suchen und dann noch in der Zeitschrift „Information – Wissenschaft & Praxis“. Meine Neugier war geweckt und schon habe ich den Artikel verschlungen.

Na ja, wie sich schon angedeutet hat, hat das „Engineering“ in diesem Fall nichts mit der mir bekannten Übersetzung zu tun. Bei Wikipedia finden sich in Deutsch unter Social Engineering (Sicherheit) bzw. Social Engineering (security) zumindest kurze Einführungen, wobei die englische meines Erachtens etwas ausführlicher ist. Der Artikel von Schumacher ist wirklich gut: ausführlich und anschaulich. Unter dem Begriff „Social Engineering“ versteht man Strategien zur psychologischen Manipulation von Menschen, wie sie auch Hochstapler oder Trickbetrüger nutzen. Ein Beispiel hierfür ist der „Hauptmann von Köpenick“. Die Geschichte in Kurzversion:

Der Schuhmacher Wilhelm Voigt erwarb eine Hauptmannsuniform und hielt in dieser – mit entsprechendem Auftreten – einen Trupp Soldaten an, stellte sie unter sein Kommando und besetzte mit ihnen das Rathaus in Köpenick. Er „beschlagnahmte“ die Stadtkasse und konnte zunächst unerkannt untertauchen, wurde aber später gefasst. Durch die Autorität der Uniform sowie sein Auftreten gelang es ihm seine Umgebung zu täuschen. Schumacher führt in seinem Artikel ein weiteres Beispiel an. Ein Konkurrent eines Ingenieursbüros kommt mit einem ähnlichen Vorgehen an wichtige Unterlagen des Wettbewerbers.

Die folgenden Ausführungen Schumachers zu den psychologischen Grundlagen waren sehr spannend – und das ein oder andere Experiment kam mir sogar bekannt vor. Im folgenden liste die Ansatzpunkte für Manipulationen kurz auf.

Reziprozität

Bei „Reziprozität“ handelt es sich um einen Begriff aus der Soziologie, der aus dem lateinischen stammt und u.a. für „in Wechselwirkung stehen“ steht. Im Prinzip handelt es sich um eine Art „Tauschhandel“ auf den man in der Gesellschaft bzw. beim Zusammenleben der Menschen nicht verzichten kann, der aber sehr anfällig für Manipulation ist: Einem Geschenk folgt ein Gegengeschenk, einem Zugeständnis das Zugeständnis der anderen Seite („Kompromisse“, feilschen). Schumacher empfiehlt als – sozialverträgliche – Abwehrstrategie, darauf zu achten, dass man nicht übervorteilt wird, d.h. die gegenseitigen Geschenke und Gefälligkeiten sich in gleichem Rahmen bewegen.

Commitment und Konsistenz

Die Definition laut Wikipedia ist für Konsistenz in der Psychologie die Tendenz bei bestimmten Überzeugungen, Einstellungen und Verhalten eine Widerspruchsfreiheit zu wahren. Das Motto ist:

Wer A sagt, muss auch B sagen – – – also bringe jemanden dazu A zu sagen.

Besonders interessant finde ich den von Schumacher vorgestellten Versuch von Freedman (1965). Hier wurden 2 Gruppen von 7- bis 9-jährigen Jungen einmal mit einer Drohung und einmal mit einer Begründung vom Spielen mit einem bestimmten Spielzeug abgehalten. In der ersten Runde war das Ergebnis in beiden Gruppen gleich. In der späteren 2. Runde zeigte sich – die „Bedrohung“ war weg – dass deutlich weniger Jungen in der Begründungsgruppe mit dem Spielzeug spielten, als Kinder aus der Gruppe mit der Drohung. Die Begründung hat dauerhaft besser gewirkt, während die Drohung nur kurz wirksam war – und vermutlich hinterher der Gegenstand umso interessanter.

Soziale Bewährtheit

Wieder so ein Fachterminus. „Soziale Bewährtheit“ bedeutet, dass man sich an der Handlung anderer Personen orientiert. Wie sich andere verhalten, kann nicht falsch sein – oder? In unsicheren Situationen kann dies zu einem Abwarten aller führen: alle schauen zu, wie etwas passiert, z.B. ein Überfall oder keiner hilft bei einem Unfall – jeder wartet auf den anderen… Eine alternative Handlung ist der „Herdentrieb“. So führte z.B. Goethes Buch die „Leiden des jungen Werther“, der am Ende des Buches Suizid beging zu einer Suizidwelle.

Weitere Themen, die ich hier nur kurz vorstelle, sind

  • Sympathie (nun wie ist das, wenn euch jemand sympathisch/unsympathisch ist?)
  • Autorität (siehe oben „Der Hauptmann von Köpenick“)
  • Knappheit (Erinnert ihr euch an Schlagzeilen …phone… ist innerhalb von Minuten ausverkauft?)

Mein Fazit ein wirklich spannender Artikel, der uns zum einen die psychologischen Gründe für bestimmte Verhaltensweisen näher bringt und zum anderen Ansatzpunkte für Manipulationen aufzeigt. Hier habe ich noch eine Übersicht mit allen Unterpunkten sowie kurzen Erklärungen gefunden.

Als netten Abschluss könnt ihr auf nobelprize.org versuchen, ob ihr bei „Pawlows Hund“ den Speichelfluss anregen könnt – ohne, dass er Futter sieht 🙂

Literatur

[1] Schumacher S; Information Wissenschaft & Praxis 2014, 65(4-5):215-230

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Veröffentlicht am Oktober 12, 2014 in NATUR + WISSENSCHAFT und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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