Spaziergang, Roggenfeld und Mutterkorn

Bei meinem Spaziergang entlang eines Roggenfeldes, habe ich einige Ähren mit merkwürdigen Auswüchsen gesehen. Mir kam die Erinnerung an mein Studium: Naturstoffchemie – Alkaloide (meist stickstoffhaltige, alkalische Verbindungen mehrheitlich aus Pflanzen, die eine pharmakologische Wirkung haben). Genauer gesagt die Alkaloide des Mutterkorns, eines Pilzes, der Getreide befällt.

Da ich „Mutterkorn“ bisher noch nicht live und in Farbe gesehen hatte, habe ich die Bildersuche angeworfen. Mich hat die Vielzahl der Ergebnisse erstaunt, da sich bei mir der Begriff „Mutterkorn“ irgendwie mit dem Begriff „früher“ verknüpft hatte. Aber die gefundenen Fotos sahen so aus, wie meine Beobachtung auf dem Feld:

Mutterkorn ist die Dauerform des Schlauchpilzes (Claviceps purpurea). Der Pilz befällt bei feucht-warmem Wetter bevorzugt Roggen, aber auch andere Getreide und Gräser (zu denen unsere Getreide ja gehören).

Mutterkorn_2 Mutterkorn_3

Das sind ja nur erste Informationen – da muss ich direkt mal weiter recherchieren 😉

Wikipedia bietet ja einen guten Einstieg – und dann gibt es da ja noch meine Chemiebücher 🙂 Unter der Überschrift „Ergoline“ [Lit. 1] finde ich die Angabe, dass Mutterkorn „etwa 30 Alkaloide mit tetracyclischem Grundskelett“ enthält. Davon kenne ich namentlich Ergotamin (Migränemedikament) und LSD. Im anderen Buch [Lit. 2] finde ich, dass der Chemiker Albert Hofmann auf der Suche nach pharmazeutischen Wirkstoffen Anfang des 20. Jahrhunderts auch LSD synthetisierte und die unbekannte Substanz im Selbstversuch testete :-/ Was bei mir immer noch ein leichtes schaudern auslöst, da die Alkaloide des Mutterkorns bekannterweise hochgiftig sind.

Im Mittelalter [Lit.3] starben viele Menschen an „Ergotismus“. Es wird über 2 Formen berichtet: schwerste Krampfanfälle und Durchblutungsstörungen, die zum Absterben der Extremitäten führten. Trotzdem wurde Mutterkorn als Arznei in der Geburtshilfe und vermutlich auch zur Abtreibung eingesetzt, da die Alkaloide auch Kontraktionen der Gebärmutter verursachen. Ein hochgiftiger und schwer zu dosierender Alkaloidcocktail. Gut das ich nicht zu den damaligen Patienten gehörte. Erst seit ab dem 19. Jahrhundert einzelne Alkaloide isoliert und synthetisiert wurden, können sie genau dosiert werden.

Gut, das war jetzt der Blick zurück – und vermutlich meine Verbindung von Mutterkorn mit dem Wörtchen „früher“. Aber wie meine Fotos zeigen, ist der Pilzbefall durchaus aktuell. Mal sehen, was so ein wenig weitere „Suchtätigkeiten“ ergeben.

Mutterkorn_1 Mutterkorn_4

Aktuelle Beiträge zum Thema Mutterkorn

Auf der Seite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft habe ich eine Seite mit „Handlungsempfehlungen“ inkl. Link zu einem entsprechenden pdf-Dokument gefunden mit aktuellem Stand: 01.07.2014. Ziel der Empfehlungen ist es das Mutterkorn und die Ergotalkaloide im Getreide zu reduzieren.

Dann habe ich noch einige Beiträge aus dem letzten Jahr gefunden, die von einem vermehrten Befall sprechen, z. B. in Niedersachsen – ein Artikel in einer Fachzeitschrift sowie bei der Landwirtschaftskammer, der Seite des Landwirtschaftsministeriums von Bayern, der Deutschlandfunk hat berichtet, dass Schlickgras an der Küste befallen ist.

Wie es scheint, ist der Mutterkorn-Befall keine Seltenheit – besonders bei warm-feuchtem Wetter. Es ist mir vermutlich vorher nur nicht aufgefallen.

Literatur

[1] E. Breitmaier, G. Jung, Organische Chemie; 4. Auflage 2001 (Georg Thieme Verlag)

[2] H.-J. Böhm, G. Klebe, H. Kubinyi, Wirkstoffdesign, 1996 (Spektrum Akademischer Verlag)

[3] E. Vaupel: Mutterkorn – Ein tödliches Gift wird zur Arznei; Kultur & Technik, Nr. 3 2005, 44-48

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Veröffentlicht am Juli 26, 2014 in NATUR + WISSENSCHAFT und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

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